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Hessische Wirtschaft (Juni/Juli 2018): „Die moralische Fallhöhe ist größer“

06. Juni 2018 | Interview

Interview geführt von Melanie Dietz, IHK Wiesbaden. Stiftungen sollen Gutes stiften – doch auch der gemeinnützige Sektor ist nicht frei von Fehlverhalten. Christoph Michel und Michael Stich von der Michel und Stich GmbH in Wiesbaden sprechen über die Stiftungslandschaft in Deutschland, moralische Maßstäbe und ihr Ziel, zum „Kompass für den dritten Sektor“ zu werden.

Herr Stich, Sie haben selbst eine eigene Stiftung. Wie bewerten Sie den Stellenwert von Stiftungen in Deutschland?

Michael Stich: Bei uns gibt es rund 23.000 Stiftungen, damit ist Deutschland absoluter Spitzenreiter in Europa. Stiftungen nehmen in unserer Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle ein. Sie treten oftmals dort ein, wo der Staat und offizielle Stellen an ihre Grenzen stoßen. Die Tätigkeitsfelder von Stiftungen sind so vielseitig wie die Menschen, die sich in ihnen engagieren. Manche setzen sich beispielsweise für Kunst oder Wissenschaft ein. Sehr häufig engagieren Stiftungen sich in sozialen Bereichen oder auch für die verschiedensten Randgruppen. Allen geht es jedoch darum, etwas zu bewegen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Dies ist gar nicht hoch genug anzurechnen.

Was genau ist der „Stiftungsführer“ und welche Ziele verfolgen Sie mit ihm?

Christoph Michel: Vor gut drei Jahren haben wir begonnen, uns intensiv mit der Stiftungslandschaft in Deutschland auseinanderzusetzen. Dabei haben wir festgestellt, wie wichtig Information rund um das Thema Stiftungen ist und, dass es einen großen Nachholbedarf im Bereich der Kommunikation gibt. Besonders für kleinere Stiftungen ist es oft schwierig, ihre Arbeit und Projekte nach außen zu tragen, um Förderer und Mitstreiter zu finden. Mit dem Stiftungsführer möchten wir der Stiftungslandschaft in Deutschland eine größere Transparenz verleihen und vor allem für die kleineren Stiftungen eine verbesserte Sichtbarkeit schaffen. Wir möchten mithelfen, dass Stiftungen und potenzielle Unterstützer zueinander finden – und, dass es Stiftungen leichter haben, sich miteinander zu vernetzen.

Das heißt, der „Stiftungsführer“ ist eine reine Kommunikationsplattform?

Michael Stich: Nein, nicht ausschließlich. Wir möchten Stiftungsvertreter und Menschen, die sich für Stiftungen interessieren, auch über wichtige Inhalte und Neuerungen informieren. Zu diesem Zweck veranstalten wir mehrere Stiftungsforen im Jahr, bei denen in Form von Workshops und Diskussionen verschiedene stiftungsrelevante Themen behandelt werden.

Wo fanden die Stiftungsforen bisher statt?

Christoph Michel: In Wiesbaden (siehe Foto), Hamburg und München. Darüber hinaus planen wir in diesem Jahr erstmals auch Veranstaltungen in Stuttgart und Berlin. Wir möchten bundesweit so viele Stiftungen wie möglich erreichen. Um das Wissen um stiftungsspezifische Themen sowie den Austausch untereinander weiter zu intensivieren, haben wir in Kooperation mit der EBS Executive Education in diesem Jahr die „Akademie für Engagement und Stiftung“ gegründet. Als „Kompass für den dritten Sektor“ werden wir gemeinsam mit Experten und Persönlichkeiten aus der Stiftungswelt in der „Akademie für Engagement und Stiftung“ wichtige Themen vertiefen und diskutieren. 

Wer ist Ihre Zielgruppe?

Michael Stich: Wir möchten jeden ansprechen, der sich mit dem Thema Stiftungen beschäftigt – sowohl Stifter oder Stiftungsmitarbeiter als auch Menschen, die mit dem Gedanken spielen, eine eigene Stiftung zu gründen oder sich in einer bestehenden Stiftung zu engagieren. Dies können Privatpersonen sein, aber auch Unternehmer oder Unternehmensvertreter.

Einige Stiftungen sind durch massives Fehlverhalten von Mitarbeitern oder Organen in Misskredit geraten. Sehen Sie dadurch Probleme für die Stiftungsbranche, in der ja besonders hohe moralische Maßstäbe angesetzt werden?

Michael Stich: Wenn Menschen sich auf Kosten anderer bereichern oder ihnen Schaden zufügen, ist solch ein Verhalten in jedem Fall scharf zu verurteilen, und die Betroffenen sind zur Rechenschaft zu ziehen. Da gibt es keinen Toleranzspielraum. Aber es wäre meiner Ansicht nach verkehrt, hier zu verallgemeinern und die gesamte Stiftungsbranche zu verteufeln. Dies wäre auch den vielen tausend Menschen, die sich tagtäglich unermüdlich für ihre Stiftungen einsetzen und Gutes tun, gegenüber nicht fair; vom Schaden für die Gesellschaft einmal ganz abgesehen.

Wie können die betroffenen Organisationen Vertrauen zurückgewinnen?

Christoph Michel: Dies ist mit Sicherheit ein langer Weg und ich sehe auch kein Patentrezept. Aufgrund der besonderen Sensibilität sollten zunächst sowohl in der Kommunikation nach innen sowie nach außen zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden. Offenheit und Aufarbeitung sollten dabei an erster Stelle stehen. Außerdem sollte jede anfällige Organisation für sich eine Compliance-Kultur etablieren oder die bereits etablierte überprüfen und – wenn nötig – anpassen. Darüber hinaus gilt es, in den jeweiligen Einsatzregionen überzeugende und überprüfbare Schutzmechanismen zu  etablieren.

Sehen Sie im Umgang mit solchen Skandalen Unterschiede zwischen Non-Profit-Organisationen und Konzernen?

Christoph Michel: Während Non-Profit-Organisationen tausende Dauerspender verlieren, Zuschüsse durch staatliche Stellen gestrichen bekommen und das Image ramponiert ist, haben Konzerne zwar auch einen enormen Imageverlust, aber Umsatz und Gewinn leiden nicht zwangsläufig, wie das Beispiel VW zeigt. Anders als bei Konzernen ist daher bei Non-Profit-Organisationen die moralische Fallhöhe viel größer und wirkt sich in der Regel direkt auf die Einnahmen aus.

Auch bei der Finanzierung gelten für Non-Profit-Organisationen und Stiftungen andere Regeln als für Konzerne – ist es in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Aktienkurse für sie überhaupt noch möglich, eine ordentliche Rendite zu erwirtschaften?

Michael Stich: Die Generierung von Finanzmitteln ist für Stiftungen elementar. Durch die Niedrigzinsen ist es Stiftungen kaum noch möglich, auf dem Weg der klassischen Kapitalanlage Erträge zu erwirtschaften. Sie sind deshalb angehalten, auf anderen Wegen Spenden zu generieren – Fundraising ist eine dieser Möglichkeiten, die jede Stiftung aktiv und individuell für sich gestalten kann. Dies wird zukünftig sicherlich eine immer größere Bedeutung bekommen.

Christoph Michel ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Michel und Stich GmbH. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre (MBA) war er zunächst über Jahre in verschiedenen Konzernen tätig. Die gesellschaftliche Kraft der Stiftungswelt wurde ihm bereits seit seiner Jugend durch seine Familie nahe gebracht.

Michael Stich ist Berater der Michel und Stich GmbH. Der Hamburger gründete schon 1994 zu seiner aktiven Zeit als Tennisprofi die nach ihm benannte Michael Stich Stiftung, die sich für HIV-infizierte, von HIV-betroffene sowie an AIDS erkrankte Kinder einsetzt. Neben seiner eigenen Stiftung unterstützt der Unternehmer auch weitere Organisationen, beispielsweise als Mitglied des Beirats der Deutsche Bahn Stiftung oder in seiner Funktion als Beiratsmitglied im Bundesverband deutscher Stiftungen, die er zehn Jahre lang bekleidete.

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