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Non-Profit-Organisationen in der Krise: Wie umgehen mit den Missbrauchsfällen bei Oxfam, Ärzte ohne Grenzen und Unicef?

13. April 2018 | Interview

Schockierende Nachrichten waren in den letzten Wochen über Oxfam, Ärzte ohne Grenzen, das International Rescue Commitee und zuletzt Unicef in Bezug auf sexuelle Übergriffe und Missbrauchsfälle durch Mitarbeiter in Auslandseinsätzen zu lesen.

Jorg Foitzik: Insbesondere für die Verantwortlichen in den Organisationen aber auch für die Branche insgesamt ist das ein wahr gewordener Albtraum. Tausende Dauerspender haben gekündigt, staatliche Stellen streichen Zuschüsse und das Image ist auf Dauer ramponiert – Totalschaden nicht ausgeschlossen. Anders als bei profitorientierten Unternehmen ist bei Non-­Profits die moralische Fallhöhe viel größer und schlägt augenblicklich auf die Einnahmen durch. Auch das Image von Siemens und VW hat wegen der Schmiergeldzahlungen oder des Dieselskandals erheblichen Schaden genommen. Umsatz und Gewinn haben aber nicht gelitten.

Die Kunden der Non-Profits sind da verständlicherweise weniger gnädig. Auch wenn natürlich wahr ist, dass sich die überwiegende Zahl der Mitarbeiter von Oxfam, Ärzte ohne Grenzen und Unicef nichts hat zu Schulden kommen lassen und grossartige Arbeit in Krisenregionen leisten, bei denen sie häufig Leib und Leben in Gefahr bringen.

Jorg Foitzik: Das Vertrauen in ihre am Gemeinwohl orientierte Arbeit sowie die moralische Integrität aller Mitarbeiter ist die Basis auf der alle Non­-Profit-Organisationen agieren. Dafür erhalten sie im Gegenzug Spenden und Zuschüsse. Dieses Vertrauen wurde durch das Fehlverhalten Weniger erheblich erschüttert. Wenn Anspruch und Realität derart krass auseinander fallen, ist der Schaden nur schwer wieder gut zu machen. Die Folge sind nachlassende Spendenzuflüsse. Das ist besonders tragisch, weil weniger Spenden weniger Hilfe für die wirklich Bedürftigen bedeutet.

Es kann ja keinen Zweifel geben, dass die betroffenen Organisationen jetzt schnell reagieren und die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Das ist, soweit zu lesen war, auch geschehen. Die Verantwortlichen wurden identifiziert und entlassen. aber reicht das?

Jorg Foitzik: Es ist ein Anfang, dem weitere Schritte folgen müssen. Eine Non-Profit-­Organisation im Krisenmodus muss schnell, glaubwürdig und nachhaltig handeln und die getroffenen Entscheidungen und erzielten Fortschritte kontinuierlich kommunizieren.

Machen wir es konkret; schließlich handelt es sich um Menschen, die erniedrigend behandelt wurden. Wie sollte man mit den Opfern umgehen?

Jorg Foitzik: Das ist für mich der zentrale Punkt, obwohl das in der aktuellen Diskussion bislang keine Rolle spielt. Wie gehen Organisationen jetzt mit den Opfern um? Es darf nicht 30 Jahre dauern, wie bei den Missbrauchsfällen in der Odenwaldschule oder in Einrichtungen der Kirchen, bis sie gehört und entschädigt werden. Gerade weil die Opfer bislang keine Stimme haben und in entlegenen Ländern wie z. B. Haiti und dem Tschad leben.

Es ist sicher zu wenig, jetzt Besserung zu geloben, eine interne Sensibilisierungskampagne  für Mitarbeiter zu starten und darauf zu setzen, dass der Skandal schon in der allgemeinen Informationsflut versanden wird. Es scheint, als wenn sich grundlegend etwas ändern muss.

Jorg Foitzik: Zumal der Fall gravierender ist, weil gleich mehrere und bislang hoch angesehene Organisationen betroffen sind. Der Non-­Profit-­Bereich kann sicher viel lernen von den Regularien, die sich unter der Überschrift Compliance in vielen Unternehmen mittlerweile durchsetzen. Auch hier waren und sind die besten „Lehrmeister“ Krisen wie der Enron-­Skandal, die Bankenkrise und jetzt die Dieselaffäre. Wegen der besonderen Sensibilität des Non-­Profit­-Bereichs sollten aber, insbesondere in der Kommunikation nach innen und außen, zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden.

Wie könnte eine überzeugende und auf den Non-Profit-Sektor zugeschnittene Antwort aussehen?

Jorg Foitzik: Als ersten Schritt sollte jede Organisation, die anfällig für vergleichbare Fälle sein könnte, eine Compliance­-Kultur etablieren bzw. die bereits etablierte überprüfen, wenn nötig anpassen und ihre Stakeholder darüber routinemäßig informiert halten. Mit Blick auf die gesamte Branche, die durch einen Skandal dieser Tragweite in Gefahr ist, in Kollektivhaftung genommen zu werden, sollte der Fokus noch erweitert werden. Im Zuge der #metoo­Debatte hat die Filmindustrie die Einrichtung einer unabhängigen, branchenübergreifenden Anlaufstelle für Missbrauchsopfer ins Gespräch gebracht. Zuschnitt und Aufgaben müssten entsprechend der besonderen Herausforderung des Non-­Profit-­Sektors angepasst werden. So muss etwa berücksichtigt werden, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Menschen, die in Krisengebieten Hilfe beanspruchen, häufig schutzlos sind und sich anwaltliche Hilfe – soweit überhaupt verfügbar – nicht leisten können. In den jeweiligen Einsatzregionen überzeugende und überprüfbare Schutzmechanismen ins Werk zu setzen, wird eine große Herausforderung sein.

Sagen wir diese Maßnahmen werden erfolgreich umgesetzt, können die betroffenen Organisationen, kann der Non-Profit-Sektor dann hoffen, das Vertrauen derer wiederzugewinnen, die sich jetzt abgewendet haben?

Jorg Foitzik: Unicef hat als Reaktion aus ihrem Finanzskandal 2008 einen überzeugenden Compliance-Katalog eingeführt und bald darauf den Transparenzpreis von Price Waterhouse Cooper gewonnen. Auch Spenderinnen und Spender haben das honoriert. Die getroffenen Maßnahmen haben im Bereich Finanzen voll gegriffen, bieten aber offensichtlich keinen Schutz vor Missbrauchsfällen in Auslandseinsätzen. Um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen, muss nun konsequent und in der gesamten Branche mit der Etablierung funktionierender Strukturen und Maßnahmen auch in diesem heiklen Feld begonnen werden.

Christoph Michel, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter | Michel und Stich GmbH

Jorg Foitzik, Geschäftsführender Gesellschafter | UniConcepts

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