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Steffi Graf: "Children for Tomorrow"

10. Mai 2019 | Interview
Foto: © Silvano Ballone

„Die Stiftung „Children for Tomorrow“ initiiert und betreibt in eigener Trägerschaft Projekte, die zu einer gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beitragen, welche Opfer von Krieg, Verfolgung oder anderer Formen organisierter Gewalt geworden sind. Hierzu errichtet und unterhält die Stiftung an regionalen Brennpunkten Einrichtungen zur medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung der betroffenen Kinder, fördert die Ausbildung und Erziehung der betroffenen Kinder und unterstützt diesbezügliche Forschungsprojekte.“ (Auszug aus der Stiftungssatzung)

Interview mit Steffi Graf

Frau Graf, Sie haben 1998 die Stiftung Children for Tomorrow gegründet. Gab es ein Schlüsselereignis, welches Sie dazu bewegt hat?

Steffi Graf: Es gab viele bewegende Momente, die zur Gründung von Children for Tomorrow geführt haben. Durch meinen Tennissport war ich früher häufig in Hamburg und lernte in dieser Zeit Prof. Peter Riedesser kennen. Er war Kinder- und Jugendpsychiater am UKE, erzählte mir viel von seiner Arbeit mit den Kindern. Bei einem meiner Aufenthalte lud er mich ein, seine Flüchtlingsambulanz zu besuchen. Die Begegnungen mit den Kindern haben mich so tief berührt – sie waren stark traumatisiert, hatten große Berührungsängste, und viele konnten mir nicht in die Augen sehen. Je mehr ich von ihren schweren Erlebnissen hörte, desto größer wurde mein Wunsch, ihnen in irgendeiner Weise zu helfen. Die folgenden Jahre habe ich ihn immer wieder besucht und mir wurde bewusst, wie wichtig es für die Zukunft dieser Kinder ist, ihre inneren Wunden zu heilen. Durch meine Besuche konnte ich ihre Entwicklungen für einige Zeit verfolgen: Aus stillen, in sich gekehrten Kindern wurden mit der Zeit selbstbewusstere und offenere Kinder, die sich in der Schule besser konzentrieren und Freundschaften schließen konnten.

Sie haben Ihren Wohnsitz in den USA. Hilft Ihnen das digitale Zeitalter bei der Stiftungsarbeit?

Steffi Graf: Gerade bei neun Stunden Zeitunterschied helfen E-Mails enorm, sich jederzeit mit dem Team austauschen zu können. Dadurch hat man das Gefühl, sich trotz der großen Distanz etwas näher zu sein. Auch unsere fast täglichen Telefongespräche und Konferenzschaltungen erleichtern die Kommunikation mit der Stiftung. Aber am liebsten bin ich alle paar Monate vor Ort.

Seit Juni 2017 bieten Sie mit dem Projekt "Honighelden" therapeutische Angebote an Grundschulen speziell für Kinder zwischen 6-10 Jahren an. Wieso ist dieses Alter so wichtig?

Steffi Graf: Diese Altersgruppe fällt leider oft durch das Versorgungsnetz. Dabei zeigen Studien, dass Traumata vor dem 11. Lebensjahr die Wahr-scheinlichkeit für eine psychische Erkrankung um das Dreifache erhöhen. Es ist darum wichtig, die kleinen Kinder so früh wie möglich zu erreichen, damit sich ihre Symptome nicht verschlimmern und später chronifizieren. Da alle Kinder schulpflichtig sind, gehen wir mit Gruppenangeboten wie Kunst- und Musiktherapie direkt in die Schulen und sind dort Teil des Lehrplans am Vormittag. Aus den Gruppen können die Therapeuten dann erkennen, welche Kinder Einzelbedarf haben.

Inwiefern ist die Schulbehörde mit in dieses Projekt eingebunden?

Steffi Graf: Wir führen das Projekt seit Beginn in Kooperation mit der Schulbehörde durch, die auch die Schulen vorgeschlagen haben, an denen wir momentan vor Ort sind. Viele Lehrer berichteten, dass sie häufig überfordert seien, kriegstraumatisierte Kinder zu unterrichten. Sie können oft das Verhalten der Kinder nur schwer einordnen und sind verunsichert, wie sie trotz der Belastungen dieser Kinder den bestmöglichen Unterricht gestalten können. Mit spezialisierten Fortbildungen und begleitenden Supervisionen möchten wir sie in ihrer Rolle stärken und in dieser Situation unterstützen.

Warum bieten Sie die Therapien in den Räumlichkeiten der Schule an?

Steffi Graf: Wir haben über die Jahre erkannt, dass viele Familien häufig den Weg in unsere Flüchtlingsambulanz am UKE nicht schaffen. Die Eltern sind meist selbst belastet durch den Krieg und die Flucht, und viele können die Symptome ihrer Kinder auch nicht richtig einschätzen. Dabei ist es gerade bei der Arbeit mit kleinen Kindern umso wichtiger, auch ihr Umfeld in den therapeutischen Prozess mit einzubeziehen. Eine Gemeinschaft zwischen Kindern, Familien und Lehrern herzustellen, ist ein wichtiger Aspekt in der Heilung. Den Standort Schule zeichnet aus, dass wir dort das Umfeld der Kinder am besten erreichen und Therapie an einem für sie vertrauten und sicheren Ort anbieten können. In den Elternsprechstunden lernen wir die Familiengeschichte kennen, klären die Eltern über die Erkrankung der Kinder auf und geben ihnen konkrete Hilfestellungen.

Was wünschen Sie sich für unsere Gesellschaft?

Steffi Graf: Wir hören täglich von den Kriegsherden weltweit, die Unruhen nehmen zu und die Flüchtlingszahlen steigen. Das sehen wir bei Children for Tomorrow sehr deutlich. Der Bedarf ist über die Jahre immer gestiegen und obwohl wir das Team verdreifacht haben, sind die Anfragen nach Therapieplätzen immer noch groß und die Wartezeiten lang. Dabei wäre es natürlich mein größter Wunsch, dass unsere Arbeit nicht mehr nötig wäre.

Was ist das Besondere an der Arbeit von Children für Tomorrow?

Steffi Graf: Ein so spezialisiertes Angebot wie in unserer Flüchtlingsambulanz am UKE mit unterschiedlichsten Fachkräften von Ärzten, Therapeuten, Pädagogen und Dolmetschern gibt es in dieser Größenordnung in Deutschland für die psychotherapeutische Behandlung von traumatisierten Flüchtlingskindern nicht. Dabei sind von fast 70 Millionen Flüchtlingen weltweit die Hälfte Kinder unter 18 Jahren. Mittlerweile können wir im Jahr bis zu 500 Kinder in der Flüchtlingsambulanz behandeln.Das Besondere unserer Arbeit sind die verschiedenen Therapieformen, mit denen wir auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen können: Psychotherapie, Bewegungstherapie, Musik- und Kunsttherapie, Sozialberatung – all diese Angebote greifen ineinander und werden von geschulten Dolmet-schern begleitet. Dabei können wir ermöglichen, dass eine Familie immer denselben Dolmetscher bekommt, denn er ist eine wichtige Vertrauensperson für die Kinder. Auch unsere aufsuchenden Therapien in den Grundschulen sind bisher einzigartig in Deutschland, und mittlerweile kommen Schulen direkt auf uns zu. Ich bin stolz auf unser engagiertes Team in der Flüchtlingsambulanz und in der Stiftung, zu denen auch unsere treuen Förderer und Gremienmitglieder gehören, ohne die unsere Arbeit nicht denkbar wäre.

Das Interview führte Dominik Schubert.

Stiftungsführer Magazin "Kompass des Nordens" (Nr. 14)

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