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Was Wohlstand für die Gesellschaft zu leisten vermag

10. September 2018 | Interview
Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Interview mit Felix Oldenburg: Stiftungsführer Magazin Region Berlin

Der Stiftungsführer sprach mit Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, unter anderem über seine praxisnahen Erkenntnisse zur Zukunft des Stiftens, seine Vision des Netzwerkens und zeitgemäße Online-Kommunikationsformate.

Sie sind seit zwei Jahren beim Bundesverband Deutscher Stiftungen tätig. Was hat Sie an der Position des Generalsekretärs gereizt?

Felix Oldenburg: Ich wollte etwas Neues lernen, auch einen ganzen Sektor repräsentieren. Ich hatte zuvor gesehen, was soziale Organisationen, soziale Ideen und Sozialunternehmer von Stiftungen brauchen. Es war mir wichtig, nun von der anderen Seite aus zu sehen, was Stiftungen benötigen, um ihre Aufgaben in Zukunft noch besser zu erfüllen. Ich möchte Stiftungen gerne helfen, eine Brücke in die nächste Generation zu schlagen. Damit diese das, was sie bisher geleistet haben, auch noch in Zukunft in demselben Umfang und mit derselben Relevanz tun, wie es in den vergangenen Jahren der Fall gewesen ist.

Mit „Next Philanthropy“ hat der Bundesverband eine neue Initiative gestartet. Wie möchten Sie damit den Weg in die Stiftungslandschaft für die zukünftigen Stifterinnen und Stifter ebnen? Und vor allem, wie werden diese Aussehen?

Felix Oldenburg: Ich habe zwei Annahmen: Der private Wohlstand nimmt zu und die private Großzügigkeit nimmt nicht ab. Das heißt, es wird auch in Zukunft eine Philanthropie, vielleicht sogar eine größere Philanthropie geben als heute. Die Frage ist nur, wie wird sie aussehen?

Jede Generation interpretiert das Geben und das Stiften wieder neu. Aus meiner Arbeit bei Ashoka (Anmerkung der Redaktion: Ashoka ist eine amerikanische Non-Profit-Organisation zur Förderung des sozialen Unternehmertums) und durch viele, auch persönliche Kontakte weiß ich, dass die nächste Generation natürlich etliche Dinge anders machen wird als die Generation ihrer Eltern oder Großeltern. Sie werden sich vermutlich internationaler und grenzübergreifender aufstellen. Dabei gehen sie investiver, kooperativer und digitaler vor, orientieren sich jedoch weniger an einer bestimmten Stiftungsform mit all ihren Möglichkeiten und Grenzen.

Deshalb müssen sich der Bundesverband Deutscher Stiftungen und alle Philanthropieverbände weltweit beeilen zu verstehen, wie das Stiften in der Zukunft aussehen wird.

Sie Haben die Digitalisierung im Zusammenhang mit dem Stiftungsverhalten der Zukunft erwähnt. Mit „#30Minuten - Digitale Impulse zwischendurch“ haben Sie für den Bundesverband ein neuartiges Interviewformat entwickelt, eine regelmäßige und zeitgemäße Online-Sendung, die Sie auch selbst moderieren. Welche Impulse haben Sie mit den bisherigen Folgen an die Stiftungswelt gesendet?

Felix Oldenburg: Im vergangenen Jahr haben wir uns mit „#30Minuten“ zunächst einmal um die digitale Welt gekümmert. Wir wussten, es gibt relativ wenig Informationen dazu, wie Philanthropie digitale Tools aufnehmen kann und wie sie sich in der digitalen Welt anders verhält als früher. Dazu haben wir führende, interessante Persönlichkeiten aus der Stiftungswelt zu Lunch-Gesprächen zusammengebracht. Diese Gespräche haben wir aufgenommen und per Video verfügbar gemacht. Das Format möchte ich gerne beibehalten, es aber in Zukunft in andere inhaltliche Richtungen lenken. Im kommenden Jahr werden wir uns in diesen Videobegegnungen eher mit dem Thema Politik und Demokratie befassen. Mir ist klar, dass wir Verbandsarbeit heute über alle Kanäle und Formate erlebbar machen müssen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Leute uns anrufen oder unsere Bücher lesen.

Die Gesprächspartner Ihrer Sendung sind nicht alle aus der Stifterszene. Nach welchen Kriterien wählen Sie diese aus?

Felix Oldenburg: Mein eigener Test für die Auswahl ist: Wem würde ich selbst gerne zuhören? Mit wem könnte ich ein spannendes Gespräch führen, das neue Perspektiven eröffnet und den Zuschauer zugleich unterhält?

Ihren Überlegungen zufolge werden Stifter zukünftig internationaler agieren und sich global vernetzen. Sie selbst sind ein engagierter Netzwerker der „ersten Stunde“. Wie hat sich für Sie die Bedeutung des Netzwerkens gewandelt?

Felix Oldenburg: Einem Vorschlag von Robert Putnam zufolge, gibt es in der Sozialwissenschaft eine Unterscheidung zwischen zwei Arten von Sozialkapital, die durch das Netzwerken aufgebaut werden: Das „bonding social capital“ und das „bridging social capital“. Ich würde das auf Deutsch übersetzen mit „Insider-Netzwerke“ und „brückenbauende Netzwerke“. Ich möchte jedoch, dass das Stiften nicht eine Sache wird, über die nur Insider miteinander reden, sondern über die wir mit allen ins Gespräch kommen. Und deshalb würde ich die Netzwerke in Zukunft so bauen, dass sie eben keine Insiderveranstaltungen von Stiftern sind, sondern wir uns vielmehr generationen- und sektorenübergreifend und insbesondere grenzübergreifend darüber unterhalten, was man machen muss, um die Welt zu verbessern. Das ist ja eine Frage, die sich nicht nur Stifterinnen und Stifter, sondern alle Menschen stellen sollten.

Interview mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen repräsentieren Sie die gesamte heterogene Stiftungslandschaft. Wie schaffen Sie es, alle gleichsam abzuholen?

Felix Oldenburg: Ich weiß ja gar nicht, ob ich alle mitnehme. Ich sehe zu, dass ich viele besuche. Deshalb folge ich auch möglichst jeder Einladung eines Mitglieds und habe gleich im ersten Jahr meines Jobs über zweihundert Stiftungen persönlich besucht.

Sie sprechen immer wieder von einer Stiftungslücke. Was meinen Sie damit? Was sind Ihre dringlichsten Forderungen? Wo sehen Sie als Interessensverband Handlungsbedarf?

Felix Oldenburg: Die Frage nach unserem wichtigsten Vorhaben ist kompliziert. Ich glaube, die Antwort startet mit der Einsicht, und deshalb habe ich auch von der Stiftungslücke gesprochen, Selbstzufriedenheit ist immer in Frage zu stellen. Zu behaupten, der Stiftungssektor sei so großartig und alle anderen müssten sich verändern, ist meines Erachtens kein besonders guter Start. Gerade beim Lobbying sollte man immer offen bleiben für andere und eine gesunde Selbstkritik entwickeln, um ein glaubwürdiger Gesprächspartner zu sein.

Der Begriff einer Stiftungslücke, den ich geprägt habe, bezieht sich auf meine Vermutung, dass Stiftungen in den vergangenen zehn Jahren weniger von dem verfügbaren privaten Wohlstand angezogen haben als zuvor. Und ich möchte gerne wissen, woran das liegt, damit Stiftungen in Zukunft mehr zur Verfügung haben, um Probleme zu lösen, anstatt weniger. Also, keine Selbstzufriedenheit, sondern kritische Rückfragen an sich selbst, dann ist man auch ein interessanterer Gesprächspartner.

Was ist Ihnen wichtig beim Thema Weiterbildung? Welche Schwerpunkte möchten Sie da gerne in den nächsten Jahren setzen?

Felix Oldenburg: Ich glaube, wir haben einen großen Bedarf an Finanzbildung im ehrenamtlichen Bereich. Früher konnte man ein Stiftungsvermögen ohne viel Wissen sozusagen „in die Steckdose der Anleihemärkte stecken“ und „das Licht ging an“ – also Erträge kamen heraus. Das ist nun nicht mehr der Fall.

Heute braucht es zur Bewirtschaftung eines Stiftungsvermögens viel mehr Finanzsachverstand und Unternehmertum als früher. Und deshalb wird es hier einen großen Nachholbedarf in den Gremien geben. Ich glaube nicht, dass die Niedrigzinsphase eine Anomalie ist, die bald hinter uns liegt. Vielmehr bin ich der Auffassung, dass die Hochzinsphase, die hinter uns liegt, die Anomalie ist. Stiftungen sollten wieder an eine Geschichte anknüpfen, in der sie soziale Unternehmer und soziale Investoren waren und damit eben auch immer finanzunternehmerische Kompetenzen besaßen.

Wie sollten Ihre Mitglieder, die Stifterinnen und Stifter, von Außen wahrgenommen werden?

Felix Oldenburg: Ich würde mir wünschen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für das Stiften in Deutschland nicht abnimmt, sondern eher noch zunimmt. Und dazu gehört auch eine Akzeptanz von Wohlstand und ein Verständnis dafür, dass Wohlstand nicht ungerecht ist. Die Gesellschaft kann jedoch von ihm erwarten, dass er sich für sie einsetzt. Denn dann ist Wohlstand ein Reichtum für alle.

Das Interview wurde geführt von Jessica Bruder.

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